| EUROPA - Mehr als eine Hoffnung | | Drucken | |
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Dorothea F. Zimmer Während ich darüber nachdenke, auf welche Weise ich die Fülle meiner Gedanken zum Thema
Gleichzeitig sind wir alle mehr miteinander verbunden als je zuvor. Wir sprechen von der Hoffnung Europa für eine Welt in Balance, von neuem Bewusstsein, das notwendig ist, um die komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Wir entwickeln viele wunderbare und weiterführende Projekte gegen Armut, Ungerechtigkeit, Epidemien, Katastrophen und Kriege. In allen Teilen der Erde sammeln sich Menschen, die dazu beitragen wollen, eine neue zutiefst menschliche und lebensbejahende Weltordnung auf den Weg zu bringen.
Die Aufgabe ist nicht, etwas zu sehen, was noch niemand gesehen hat, sondern zu denken, was noch niemand gedacht hat über das, was alle sehen, wie Schopenhauer einmal sagte. Das bedeutet, dass wir eine neue Perspektive auf die Welt benötigen, die nicht nur ändert, was wir denken, sondern vor allem, wie wir denken, wie und durch welche Brille wir auf die Welt schauen. Eine Perspektive, die nicht vor der wachsenden Komplexität in grobe Vereinfachung zurück weicht, sondern eine neue Ordnung im komplexen Chaos, Zusammenhänge in den Fragmentierungen und die tieferen dynamischen Kräfte, die Denken, Handeln und Identität von Individuen, Organisationen, Institutionen und ganzen Kulturen formen, entdeckt. Gewöhnlich nennt man dies ein neues Paradigma. Das gegenwärtig neu emergierende Paradigma scheint mir die Einsicht in die evolutionäre Dynamik unseres Bewusstseins zu sein. Sie folgt offenbar einer inneren Ordnung, die sich nicht starr vollzieht, aber in Ebenen aufeinander aufbaut wie eine Art Tonleiter, die eine ungeheure Vielfalt an Melodien erlaubt, die in dir, in mir und in jedem Wir auf allen Ebenen erklingen. In Spiral Dynamics integral, dem präzisesten und fortgeschrittensten Modell kultureller Entfaltung, das mir bekannt ist, wurde diese Dynamik, die unserer Bewusstseinsentwicklung als Individuen sowie auch unserer "kulturellen DNA" zugrunde liegt, erforscht. In Südafrika fand es bereits seine erste große Feuertaufe. Don Beck, Pionier und Inspirator dieser neuen Perspektive, trug in den fast 20 Jahren, in denen er mit Menschen auf allen Ebenen im Land südlich des Limpopo arbeitete, wesentlich dazu bei, die Rassenpolarisierung zu überwinden und einen friedlichen Übergang in eine demokratische Gesellschaft zu ermöglichen. Denn "es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie", wie Kant bereits wusste. Die beste Nachricht dabei scheint mir zu sein, dass sowohl die Feldforschung von Spiral Dynamics wie auch die geniale Schau von Philosophen wie Jean Gebser oder die immense theoretische Arbeit von Ken Wilber darauf hinweisen, dass die Menschheit bewusstseinsmäßig vor einem Quantensprung steht. Eine neue Intelligenz emergiert, die die Welt nicht mehr nur durch die Brille der eigenen Wertvorstellungen anschaut, sondern sich der jeweiligen Brille, die benutzt wird, gewahr ist. Dieses Bewusstsein, das sich in einzelnen Menschen schon immer und überall manifestiert hat, fragt nicht mehr nach den eigenen Vorlieben, sondern danach, was das Leben auf der jeweiligen Stufe der Entwicklung im einzelnen oder in einer Gesellschaft benötigt, um natürlich fließen und sich weiter entwickeln zu können. In dem Maße, in dem dies gelingt, kann auch der endlose "Wir gegen die anderen"-Kampf einer dritten Position weichen, die Win-win-win-Lösungen erarbeitet und jedes Wertsystem in seiner Würde, seiner Einzigartigkeit und seiner Bedeutung für die Weltgestaltung wertschätzt und fördert.
Was bedeutet dies nun für unser Thema? Betrachten wir das Netzwerk Europäische Union als Ganzes, so können wir erkennen, dass die Bedingungen für einen Quantensprung auf kultureller Ebene hier so groß sind wie nur in wenigen anderen Regionen der Welt. In Europa wurde die Moderne geboren, die das Glück im Diesseits auf ihre Fahnen geschrieben hatte und dieses Diesseits in beispielloser Weise vermaß, erforschte und veränderte. Bis wir erkannten, dass es noch mehr geben muss und damit begannen, unser Inneres zu erforschen und allem Lebendigen unter der Sonne ein Recht auf Leben und Würde zugestanden. Dies steht nicht nur auf dem Papier, sondern ist heute Bestandteil einer europäischen Kultur geworden. Dass damit ein Wertesystem der exzessiven Konsensbildung und die Philosophie des "Leben und leben Lassens" entwickelt wurden, war natürlich und gut. Dass wir dabei stehen bleiben und sie für die ultima ratio halten, verschafft uns endlose Sitzungen und bürokratische Auswüchse in den Verwaltungen, auch in Brüssel. Die zunächst noch damit einhergehende Naivität macht uns verwundbar für Fundamentalismus und Terror. Und - in unserem Kulturgedächtnis sind sowohl der enorme Reichtum europäischer philosophischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Tradition als auch die Erfahrung der Verstrickung in grausame Verbrechen lebendig und verlangen von uns, die Lehren aus beidem in ihrer Tiefe auszuloten und an die Welt weiter zu geben. An einem Beispiel will ich noch etwas konkreter verdeutlichen, worum es mir auch geht. Ein großes Problem Europas, zumindest in einigen Kernländern, sei die Überalterung, sagt man. Für mich bedeutet das mehr, als über neue Rentensysteme nachzudenken und die "Senioren" für die Konsumentenwerbung und das Arbeitsleben neu zu entdecken. Vielleicht ist es vielmehr ein Hinweis darauf, dass wir eine neue Perspektive auf das Älterwerden haben sollten. Wertesysteme im Innern - Alte eher als Last zu betrachten - zeigen sich im Außen als "Problem". Vielleicht geht es darum, dass Europa als der "alte Kontinent" die Weisheit des Alters wieder entdeckt statt mit dem eher jugendlichen Schwung anderer Länder, in dem oft auch viel naiver Optimismus steckt, konkurrieren zu wollen. Vielleicht geht es insgesamt darum, dass alle Länder der Welt ihre besondere Aufgabe finden müssen, um zu einem prosperierenden und lebendigen Weltkörper beizutragen. Das Thema hat noch einen anderen Aspekt für mich. Frauen haben im Laufe der Evolution die Arbeit übernommen, nicht nur Kinder zu gebären, sondern auch die Liebe und Fürsorge für Kinder und Mann zu garantieren, die für ein Überleben der Spezies genau so notwendig sind wie Essen und Trinken. Die öffentliche Sphäre ist, seit sie sich als solche von der Privatsphäre getrennt hat, den Bedürfnissen der Frauen und der Kinder nicht gut angemessen. In Europa entstehen nun kulturelle und soziale Bedingungen, um hier etwas ändern zu können. Vielleicht benötigen viele Frauen ihre Energie jetzt vor allem, um etwas in der Menschheitsgeschichte vollkommen Neues auszubrüten, wenn es auch noch weitgehend unbewusst geschieht, und haben sich deshalb ein wenig vom Kinderkriegen zurückgezogen? Das Neue ist, an der Seite des Mannes als gleichberechtigte und gleichwertige Gefährtin diesen Planeten mitzugestalten. Die Frage stellt sich, wie können Frauen diese neue Aufgabe bewältigen, ohne ihre bisherige Verantwortung zu verraten? Vielleicht finden wir dies in nächster Zukunft heraus - denn dieser Kontinent, so vermerke ich mit Vergnügen, ist ja nun seinem Mythos zufolge weiblich! Die schöne Europa hat den Stier bei den Hörnern gepackt und ihn sanft, aber entschieden bezwungen…. Dies lasse ich zur Kontemplation einfach mal so stehen! Vielleicht ist es an der Zeit, nach der Charta der Unabhängigkeit nun eine
Jaques Delors sprach davon, dass wir Europa eine Seele geben müssten. Nun, ich denke, sie ist da. Wir müssen nur lernen, ihr zu lauschen und ihr erlauben, sich auszudrücken. Vielleicht finden wir ja jetzt im 21. Jahrhundert hier unseren Heiligen Gral! Weiterführende Texte: Don Beck, Chris Cowan, Spiral Dynamics, Mastering values, leadership and change, Massachusetts 1996, www.spiraldynamics.net Don Beck, Ein neues Bewusstsein für eine Welt in der Krise, in: What is Enlightenment?, Ausgabe 16, Sommer 2005, www.wie.org Don Beck, Windmills, Tulips & Fundamentalism, The Netherlands in Crisis, in: Kosmos Volume IV, Number 2, Spring/Summer 2005, www.kosmosjournal.org Mark Leonard, Why Europe will run the 21th century, London 2005
Dorothea F. Zimmer vertritt die spiraldynamics-group in Deutschland, ist Mitglied des Kernteams des Center of Human Emergence, arbeitet als Coach und leitet Seminare und Leadership-Trainings
Aus Hoffnung Europa, hrsg. von der Global Marshall Plan Initiative, Hamburg 2006
www.globalmarshallplan.org
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"Hoffnung Europa" 




