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Seite 1 von 3 Das Buch Ethify Yourself zeigt die Grenzen des Wachstums und die sich daraus ergebenden Chancen für ein ethisches Handeln. Ein neunteiliger Wertekatalog
orientiert sich an Wissenschaft, Lebensweisheiten und Weltreligionen.
Vorschläge für ein umsichtiges Leben und Wirtschaften werden mit
Beispielen für Erwerb, Mobilität, Wohnen und der Organisation von
Unternehmen illustriert.
1.
Das Leben einteilen
Jeder Tag hat 24
Stunden, davon verbringen wir etwa 16 in wachem Zustand. Europäer können
erwarten, 80 Jahre alt zu werden. Bei mehr als 450.000 verfügbaren
Stunden, die wir uns prinzipiell einteilen können, macht es Sinn, sich
einen Plan zurechtzulegen. Wer am Totenbett bedauert, sein Leben lang zu
lange am Schreibtisch gesessen zu sein und sich zu wenig um Freunde
oder Kinder gekümmert zu haben, kann nicht mehr reagieren. Reservieren
wir doch die uns verfügbare Zeit für bestimmte Aktivitäten und lassen
uns nicht von Bequemlichkeit, Gier, Sucht nach Anerkennung oder dem
blinden Konsum einfach treiben.
Die feministische
Wissenschafterin Frigga Haug schlägt vor, vier Bereiche menschlicher
Tätigkeit zu unterscheiden und diese mit ähnlichem Gewicht zu bewerten:
Erwerb, Subsistenz, Kultur und Politik. Nur so haben wir die Chance, ein
ausbalanciertes Leben zu leben, unabhängig zu sein und Erfahrungen aus
verschiedensten Bereichen zu sammeln.
Beim Erwerb geht es um jene Arbeit, die wir für unser materielles Leben leisten.
Dies umfasst Lohnarbeit oder eine selbstständige Tätigkeit und dient
nicht nur der Herstellung von Lebensmittel, sondern es geht auch um
Dinge, die uns das Leben angenehm machen.
Bei der Subsistenz
geht es um die Anerkennung der Arbeit für Haushalt und Kinder. Dies
umfasst Kochen, Aufräumen, Waschen, die Arbeit und das Spiel mit
Kindern, sich um die eigene Gesundheit kümmern aber auch andere Menschen
pflegen.
Bei der Kultur geht es um die ständige Erweiterung unseres geistigen Horizonts, um lebenslanges Lernen, um Zeit für uns selbst.
Weiters ist eine aktive Einmischung in die Politik
notwendig, um die Gesellschaft mitgestalten zu können. Dazu gehört
nicht nur eine aktive Mitarbeit in Vereinen, sondern auch um die
Mitwirkung in politischen Gremien.
Frigga Haug hat
nicht alle Bereiche bis ins letzte Detail beschrieben, sondern versucht
in ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ eher ein generelles
Verständnis für ihr Konzept zu vermitteln. Ich würde dem Bereich Erwerb
auch alle Dienstleistungen zuordnen, die wir erwirtschaften oder
konsumieren. Frigga Haug verwendete bei der Subsistenz ursprünglich den
Fachbegriff der Reproduktion, welcher darauf gerichtet ist, die
Produktionsfähigkeit, also den Erwerb zu stärken. Ich verwende lieber
den Begriff der Subsistenz, weil ich den eigenen Garten oder etwa das
Reparieren von Geräten dazuzähle. Zur Kultur gehört nicht nur das
passive und aktive Kulturleben, sondern wohl auch unsere Fitness, das
Lernen, Lehren und Forschen, gemeinsam Spass haben, auch mal in Ekstase
geraten, aber sich auch besinnen und eine Form der Spiritualität finden
und üben. Bei der Politik würde ich nicht nur die Arbeit in Gremien, in
einem Verein oder in einer Genossenschaft dazuzählen, sondern auch das
Berichten oder Aufdecken und Publizieren, zum Beispiel in einem
Internet-Blog.
Haug möchte uns
klarmachen, dass alle vier Bereiche eigentlich gleich wichtig für ein
erfülltes und emanzipiertes Leben sind. Sowohl Männer als auch Frauen
sollen in allen vier Bereichen aktiv sein. Die Arbeit für die Familie
kann mindestens so spannend sein wie der Job und die Mitgestaltung
unserer Umgebung ist ebenso wichtig wie Zeit für die individuelle
Entwicklung. Für die eigene Unabhängigkeit ist es wichtig, auch Geld zu
verdienen und genauso benötigen wir Zeit für Freunde und uns selbst.
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Ethified Life
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Erwerb
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Subsistenz
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Kultur
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Politik
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Nahrung
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Haushalt
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Lernen
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Vereinsarbeit
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Dienstleistungen
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Kochen & Essen
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Muße
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Mitbestimmung
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Geräte
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Pflege & Körper
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Fitness
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Gremien
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Wohnraum
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Kinder & Eltern
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Spiritualität
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Berichten
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Energie
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Pflanzen & Garten
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Kreativität
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Empowerment
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16h pro Tag
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4h
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4h
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4h
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4h
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112h pro Woche
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28h
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28h
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28h
|
28h
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Tabelle 1: Die Vier-in-einem-Perspektive
Nachdem wir pro Tag 16 Stunden zur Verfügung haben, schlägt Haug vor, dass wir jedem Bereich vier Stunden widmen.
Dies mag freilich von Tag zu Tag und in unterschiedlichen Lebensphasen
variieren. Wir werden weiterhin kollektive Erwerbspausen am Wochenende,
im Sommer und zum Jahreswechsel machen.
Wer die Schwerpunkte verschiebt, soll darauf achten, dass dies nicht
zulasten anderer oder der Umwelt geht. Wenn sich ein Familienvater 20
Jahre nur um den Erwerb kümmert, sind die Chancen für seine Partnerin
vorbei, auch Anteil am Erwerbsleben zu haben. Aus feministischer
Perspektive schafft eigenes Einkommen erst Unabhängigkeit und soll daher
für alle möglich sein.
Nun, welchen Tagesrhythmus wähle ich, um meine Ansprüche an ein
ausgeglichenes Leben zu erfüllen? Hier ein Beispiel für eine typische
Kleinfamilie mit schulpflichtigen Kindern, wie das Konzept konkret
umgesetzt wird: Um 6 Uhr 30 stehen alle auf und widmen sich der
Subsistenz, also Körperpflege, Frühstück und etwas aufräumen. Um 8 Uhr
sind die Kinder in der Schule und die Eltern im Erwerb, dort wird
jeweils auch eine einfache Mahlzeit eingenommen, gegen 15 Uhr kommen
alle nach Hause und man hört Musik, macht Sport, nimmt sich einfach Zeit
für sich selbst oder gönnt sich einen Minischlaf.
Gegen 18 Uhr wird gekocht und gemeinsam gegessen und abends bleibt Zeit
für politische Aktivitäten, surft im Internet oder schaut sich einen
Film an. Am Wochenende ist dann mehr Zeit für Garten, Ordnung halten,
Spirituelles oder dazu, eine Fähigkeit in einem Kurs dazuzulernen.
Klingt doch eigentlich gar nicht so fremdartig, oder? Und wenn beide
Elternteile je etwa 25-35 Stunden arbeiten, sollte dies für's
Haushaltseinkommen reichen. Für Schüler gibt es keine Erwerbsarbeit,
dafür mit Bildung mehr Kultur und die Möglichkeit, sich selbst durch
Lernen oder im Spiel zu entfalten. Wer sich altersbedingt nicht mehr ins
Erwerbsleben einbringen kann oder will, wird den Schwerpunkt ebenfalls
auf die Kultur und vielleicht die Betreuung der Enkel setzen. In der
Ferien- und Weihnachtszeit steht die Subsistenzarbeit im Vordergrund.
Ein Power Nap empfehle ich übrigens für jeden Tag: zwischen 13 und 17
Uhr für eine viertel Stunde wegdösen macht mich für den Nachmittag fit
und ich kann am Abend problemlos eine oder zwei Stunden länger
aufbleiben. Gut eignet sich dafür der Bus oder der Zug auf dem nach
Hause Weg oder auch der Schreibtisch oder die Schulbank
mit einem Polsterchen drauf. Damit es am Arbeitsplatz zu keinen
Irritationen kommt, ist es ratsam, dies in der Abteilung anzukündigen
und ein „Power Nap“ - Schild aufzustellen, eventuell mit einem Uhrzeiger
aus Karton der anzeigt, wie lange man nicht gestört (oder eventuell
geweckt) werden möchte.
Lässt sich die alte 40-40-40 Regel noch aufrecht erhalten? 40 Jahre
lang je 40 Wochen 40 Stunden pro Woche arbeiten: Dieses Modell mag
weiterhin ein wichtiges Ziel etwa bei Arbeitnehmerinnen in Sweat Shops
für Elektronik oder Mode in Asien oder Lateinamerika darstellen, wo eine
Arbeitszeit von 70 Stunden oder mehr für die Produktion von
Mobiltelefonen, Taschen oder Jeans üblich sind. Doch in entwickelten
Ländern, die das Industriezeitalter hinter sich lassen und wo soziale
MIndeststandards etabliert sind, entsteht der Wunsch nach mehr
Flexibilität. Mit einem Lebensarbeitskonto könnten wir auf die
Bedürfnisse unterschiedlicher Lebensphasen besser reagieren und auch
länger im Arbeitsprozess bleiben.
Wer keine Kinder hat, kann sich in der Alterspflege engagieren oder mit
jungen Menschen Abenteuer inszenieren. Im Erwerb sollen Kinderlose
nicht wesentlich mehr arbeiten. Workaholics verzerren den Wettbewerb um
Aufstiegsmöglichkeiten oder Chancen um Aufträge oder Ausschreibungen
gegenüber jenen, die eine Balance im Leben suchen. Die EU Kommission
anerkennt eine durchschnittliche Jahresarbeitszeit von 1680 Stunden im
Jahr für eine Vollzeitbeschäftigung6.
Bei unserem Modell liegen wir mit 1460 Stunden (365 x 4) nur knapp
darunter. Das entspricht einer 35 Stunden Woche mit 5 Wochen Ferienzeit
für Leute im erwerbsfähigen Alter. Freilich soll sich Einsatz und Fleiss
auch weiterhin bezahlt machen und dafür Anerkennung gezollt werden,
doch wir benötigen mehr Umsicht, dass wir uns diese nicht auf Kosten
anderer holen und dass die notwendige Arbeit in etwa gleich verteilt
wird.
Das Modell von Frigga Haug, an einem Tag in den vier Lebensbereichen
Erwerb, Subsistenz, Kultur und Politik aktiv zu sein, kann nicht nur auf
eine Woche oder einen Monat, sondern auch auf die gesamte
Lebensarbeitszeit verteilt werden. Wer eine Ausbildung abschliesst, wird
– nach einer Eingewöhnungsphase an die Arbeitswelt – gerne viel
leisten. Wohnraum und eine Einrichtung müssen erst verdient werden. Mit
einem Partner und Kindern verschieben sich die Prioritäten, dafür sind
die Eltern auch zu zweit und teilen Erwerb und Betreuungsaufgaben.
Politische Aktivitäten stehen vielleicht erst in einer reiferen
Lebensphase im Vordergrund. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, will sie
vielleicht auch nochmal beruflich neu durchstarten, gründet ein eigenes
Unternehmen oder übernimmt eine Managementfunktion, die vollen Einsatz
erfordert. Der Bereich der Kultur, welche Bildung mit einschliesst, darf
in keinem Lebensabschnitt fehlen. Lernen ist ständig notwendig, und
dazu gehört nicht nur, sich Wissen anzueignen oder es aufzufrischen,
sondern auch Kenntnisse und Erfahrungen bewusst sammeln, sei es mit dem
Besuch einer Konferenz oder einem Master-Studium. Und das Leben zu
Hause? Wer sich nicht an der Subsistenzarbeit beteiligt, also nicht
kocht, wäscht, aufräumt oder putzt, lebt auf Kosten anderer oder
verleugnet den eigenen Körper, der auch Erholung und Pflege braucht.
Selbstverständlich gilt dieses Modell für Frauen und Männer
gleichermassen, allenfalls im Jahr nach der Geburt eines Kindes mögen
sich die Verhältnisse etwas verschieben, die im zweiten Jahr des Kindes
wieder kompensiert werden können. In modernen Familien hat sich folgende
Reihenfolge bewährt: zuerst geht die Frau in Karenz, dann der Mann.
Auch wenn der Verdienst etwas einbricht, ist die Betreuung eines Kindes
auch für einen Mann eine wirklich schöne Aufgabe, zudem bekommt die
Partnerin die Chance, beruflich wieder einzusteigen, ohne für immer den
Anschluss zu verlieren. Eine Doppelverdienerstrategie ist
krisensicherer, als wenn nur einer für's Einkommen zuständig ist. Und
wenn's in einer Lebensphase wirklich stressig wird, dann muss eben Hilfe
organisiert werden, um den Haushalt in Schuss zu halten oder um die
Kinder auch dann zu betreuen, wenn die Eltern gerade mal keine Zeit
haben. Unterstützung für die Subsistenz anzunehmen ist völlig ok, sofern
nicht jemand komplett die Verantwortung dafür dauerhaft abgibt. Wir
hatten einigen Au-Pair Mädchen und Burschen die Chance gegeben, deutsch
zu lernen und unsere Kultur kennen zu lernen und waren froh, wenn noch
jemand mehr im Haushalt anwesend war, um bei der Betreuung der Kinder zu
unterstützen. Unser letztes Au Pair Li Ping aus China hat nicht nur
ihre Deutschkenntnisse perfektioniert, sondern mit uns sogar Schi fahren
gelernt.
Tabelle 2: Ein Leben lang 24 Stunden verteilen
Die „Vier-in-einem-Perspektive“ schafft also Gerechtigkeit, an allen
wichtigen Facetten des Lebens teilzuhaben. Wer sich nicht weiterbildet,
verliert den Anschluss, wer nie Windeln gewechselt Socken gestopft oder
Glühlampen gewechselt hat, dem fehlen wichtige Lebenserfahrungen, die
wiederum im Berufsleben das Urteilsvermögen und die Toleranz schärfen
können. Die vier Bereiche sind gleich gewichtet und müssen daher eine
ähnliche Wertschätzung erhalten. Einige Bereiche werden nachfolgend
näher beleuchtet, wie sie möglichst in Einklang mit ethischen
Grundsätzen gelebt werden können.
2.
Arbeiten
Mit Erwerbsarbeit verstehen wir heute Tätigkeiten, die dem
Wirtschaftskreislauf dienen. Wir bieten unsere Arbeitskraft als Arbeiter
oder Angestellte an und erhalten dafür ein regelmässiges Einkommen: als
Monteur, Kassier, LKW-Fahrerin, Bademeister, Krankenpfleger,
Bankberaterin, Forscher, Putzhilfe oder Sekretär. Oder wir bieten
selbstständig Produkte und Dienstleistungen gegen Verrechnung an: die
Biobäuerin, der Winzer und der Bäcker kümmern sich um unsere
Nahrungsmittel, der Installateur, die Heilpraktikerin oder der Arzt um
unser Wohlbefinden und die Designerin oder der Schauspieler bereichern
unser Kulturleben.
Nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zählen zu
den Erwerbstätigen alle Personen im Alter von 15 und mehr Jahren, die in
einem Arbeitsverhältnis stehen (Arbeitnehmer) oder selbstständig ein
Gewerbe, einen freien Beruf oder eine Landwirtschaft betreiben
(Selbstständige, Unternehmer) oder als mithelfende Familienangehörige im
Betrieb eines Verwandten mitarbeiten. Personen, die lediglich eine
geringfügige Tätigkeit (Mini-Job) ausüben oder als Aushilfe nur
vorübergehend beschäftigt sind, zählen ebenso als Erwerbstätige.
Die Zuordnung zu den Erwerbstätigen ist unabhängig von der tatsächlich
geleisteten oder vertragsmäßig vereinbarten Arbeitszeit. Auch Personen,
die zwar nicht arbeiten, bei denen aber Bindungen zu einem Arbeitgeber
bestehen (z.B. Personen in Mutterschutz oder Elternzeit, die diesen
Urlaub aus einer bestehenden Erwerbstätigkeit angetreten haben), gelten
als erwerbstätig.
2007 waren in den 27 EU Staaten 65,4% der Menschen im erwerbsfähigen
Alter beschäftigt, 58,4% sind Frauen. Zusätzlich waren 7,1% als
arbeitslos gemeldet. Diese bedeutet, dass 27,5% entweder gar keine
Arbeit suchten oder bereits in Frühpension waren. Europäer hören
tatsächlich früher mit der Erwerbsarbeit auf: nur mehr 44,7% der
zwischen 55 und 64-jährigen und nur 8,6% der 65-69 jährigen sind aktiv,
wohingegen in den Vereinigten Staaten noch 28,7% bis knapp an die 70
arbeiten.
In den Lissabon-Zielen der Europäischen Union wurden im Jahr 2000 für
2010 eine Beschäftigungsquote von 70% angepeilt. Politiker aller
Parteien werden nicht müde, Massnahmen für eine Vollbeschäftigung setzen
zu wollen: Konjunkturpakete werden geschnürt und ganze Industriezweige
gestützt, damit die Leute eine bezahlte Arbeit finden. Mit der
Wirtschaftskrise 2009 hat sich jedoch die Situation verschärft und die
Arbeitslosenquote steigt in manchen Ländern wie in Frankreich auf 10% an.
Das Ziel einer hundertprozentigen Vollbeschäftigung, bei der jeder etwa
40 Stunden in der Woche arbeiten soll, ist und bleibt eine Illusion.
Wenn im Jahr 2007 mit Hochkonjunktur 34,6% der Menschen in Europa
zwischen 15 und 64 nicht arbeiten können oder wollen, und 18,2% aller
Beschäftigen einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen, kommen wir zur Erkenntnis, dass die Hälfte der erwerbsfähigen Menschen nicht voll arbeiten..
Die Politik muss ihr Ziel der Vollbeschäftigung neu definieren, denn
die Wirtschaft funktionierte auch, wenn nicht alle voll anpacken. Und
wir dürfen kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir mal nicht oder
weniger arbeiten, weil es kein Minderheitenprogramm ist.
Sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch auf dem Markt der Produkte und
Dienstleistungen gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wenn Märkte
gesättigt sind, wie etwa in der Automobilindustrie, gibt es auch weniger
Arbeit. Wie liesse sich daher Arbeit gerechter verteilen? Die einzige
konsequente Antwort lautet, das Konzept einer Vollzeitbeschäftigung
aufzugeben und die Arbeit besser aufteilen.
Weiters müssen wir ein Bewusstsein schaffen, lokale Produkte und
Dienstleistungen verstärkt zu konsumieren. Denn dadurch bremsen wir den
Kaufkraftabfluss von schwächeren Regionen zu den Zentren oder in andere
Regionen, die preiswerter produzieren, ab, ohne gleich mit Zöllen einen
neuen Protektionismus zu schaffen. Lokale Währungssysteme, wie etwa das
Schweizer WIR System, der Chiemgauer, der Waldviertler oder das
Vorarlberger Talent können hierzu einen sinnvollen Beitrag leisten. Eine
andere Massnahme wäre der Einsatz von Open Source Software oder der
Konsum europäischer Musik oder Filme: anstatt Lizenzgebühren nach
Hollywood oder Redmond zu schicken wird mit lokalen Dienstleistungen
regionale Wertschöpfung forciert.
Nicht jeder Mensch kann sich in jeder Lebensphase in die Arbeitswelt
einbringen. Eine Karenzzeit ist für die Betreuung eines Säuglings, für
den Erwerb neuer Fähigkeiten oder für eine Auszeit angebracht. Es sollte
daher ein Recht auf eine Grundsicherung geben, damit sich jede/r einen einfachen Wohnraum und Lebensmittel leisten kann. Denn ein Mindesteinkommen schafft Wahlfreiheit und erlöst von unmenschlichen Arbeitsbedingungen.
Vertreter eines bedingungslosen Grundeinkommen würden keine Prüfung an
Bedürftigkeit oder an eine bestimmte Tätigkeit vornehmen. Sie sehen das
bedingungslose Grundeinkommen als ein Projekt für mehr Freiheit,
Demokratie und Menschenwürde, weil die Existenzangst wegfällt. Dies wäre
allerdings ein Hohn gegenüber Menschen etwa aus Entwicklungsländern,
vor allem dann, wenn wir das Geld dort ausgeben würden, weil die
Lebenshaltungskosten in Thailand oder Südamerika billiger sind. Ein
allfälliges Grundeinkommen müsste zumindest an einige ethische
Grundsätze gekoppelt sein: Ein Bemühen um eine aktive, regionale
Mitwirkung in den Lebensbereichen Erwerb, Subsistenz, Kultur und Politik
müsste zumindest über die gesamte Lebensspanne hinweg betrachtet
eingefordert werden. Da dies politisch schwer umsetzbar und auch nicht
praktikabel überwacht werden kann, ist der Ausbau einer einfach
administrierbaren Grundsicherung zunächst erstrebenswert. Erst wenn wir
eine globale Umverteilung erzielt haben, können wir beginnen, ein
bedingungsloses Grundeinkommen ohne Kompromisse umzusetzen.
Wann arbeiten wir
genug? Werfen wir zuerst einen Blick in die Geschichte und dann auf jene
Menschen, die sich über die Arbeit definieren. Sowohl die Antike als
auch das Mittelalter verfügten über ein grundlegend anderes Verhältnis
gegenüber der Arbeit. Bei den alten Griechen war körperliche Arbeit
verpönt und das hochgeschätzte Philosophieren setzte Muße voraus. Nur
wer sich alltäglichen Mühen und Arbeitszwängen entzieht, kann seinen
echten Bedürfnissen frönen und hat den Kopf frei für neue Erkenntnisse
und kreatives Handeln. Im Mittelalter wurde Arbeit bis zur Reformation
als Mühsal, also als Strafe aufgefasst. Erst die protestantische
Arbeitsethik ist gekennzeichnet durch die Vorstellung von Arbeit als
Pflicht, welche den Mittelpunkt des Lebens darstellt. Luther und Calvin
erhoben die Arbeit zum sittlichen Gebot, ebenso die Deutschen
Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Mühen des Mittelalters
mögen eine strenge Moral zur Arbeit gerechtfertigt haben, allein um die
Familie ernähren zu können. Viele sind dennoch ausgewandert, und haben
in Amerika mit demselben Ethos eine Zivilisation erschaffen, die diese
Moral in ihrem evangelisch-methodistischen Glauben fortführen.
Heute leben wir im
Paradies. Sämtliche Gelehrten aus früheren Jahrhunderten würden uns im
Garten Eden sehen Maschinen nehmen heute so viel Arbeit ab, sodass nur
mehr 2% der Bevölkerung in Deutschland in der Landwirtschaft arbeiten,
und selbst diese sind zu viel: Milchseen und Butterberge drücken auf
die Preise und zwingen immer mehr Bauern zum Nebenerwerb oder zur
Aufgabe des Hofes. In den Supermärkten haben wir die Qual der Wahl:
Benötigten wir für die Auswahl eines Softdrinks vor 7 Jahren noch 25
Sekunden, so sind es heute 40 Sekunden, bis wir eine Entscheidung
treffen, auch wenn es sich mehrheitlich um Zuckerwasser mit
verschiedenen Geschmäckern handelt
Gefinkelte Marketingstrategien lassen uns gerne zum höherpreisigen
Produkt greifen, in der Hoffnung, damit auch eine Offenbarung zu
erwerben. Werbeprofis, Verpackungshersteller, Lebensmittelchemiker,
Regalbetreuerinnen und wir Konsumenten haben mehr Arbeit, und zwar im
Geschäft, ohne dass wir einen wirklichen Gewinn an Lebensqualität
erhalten. Wenn wir uns auf ein dutzend verschiedener Säfte im Angebot
beschränkten, würden einige Leute auf den Vollzeitjob verzichten müssen,
weil sie keine neuen Getränkekreationen mehr entwickeln, aber wir
befänden uns wohl noch immer im Schlaraffenland. Warum arbeiten Menschen
so gerne so viel, dass wir mit immer mehr Gütern und Dienstleistungen
beglückt werden wollen, die wir zumeist auch nicht brauchen?
Erwerb schafft
Sicherheit, bietet Anerkennung und erzeugt Macht. Eine Firma ist ein
Mikrokosmsos, der einen vor den großen Fragen des Lebens nach Sinn und
Ziel unserer Existenz gut abschirmt. Die Welt der Arbeit bietet viele
Ablenkungsmöglichkeiten mit noch genaueren Analysen, noch tolleren
Innovationen und noch besseren Verkaufsstrategien. Diese werden geradezu
mit militärischer Präzision geplant, bis der Mitbewerber erlegt ist,
sofern nicht eine feindliche Übernahme ausgeheckt wird. Der Jäger aus
der Steinzeit und der Oberfeldmarschall lassen grüßen.
Zwischen Furcht und
Aggression auf dem Markt kann es auch zu Ablenkungshandlungen kommen,
die die Biologen als Übersprungshandlung bezeichnen. Wenn Katzen im
Revierkampf einander gefährlich nahe kommen, lösen sie oft den Konflikt,
indem sie plötzlich zur Fellpflege schreiten und den Feind ignorieren.
Die moderne Arbeitswut hat ihren emotionalen Notausgang beim Akten
sortieren, E-mails löschen, beim Plaudern mit Kollegen oder in einer
neuen Projektidee. Hauptsache, man ist nicht untätig. Viele Männer bleiben auch deswegen
gerne lieber im Büro, weil dort das Chaos überschaubarer ist als jenes
zu Hause, wo man sich um jeden Dreck selber kümmern muss. Im Büro kommt
die Putzfrau, um aufzuwischen. Und wer sich eine Sekretärin halten darf,
bekommt sogar einen Kaffee mit einem Fingerschnipp serviert - keine
emanzipierte Partnerin macht das heute noch freiwillig.
In Japan bezeichnet
man als „Karōshi“ einen plötzlichen berufsbezogenen Tod, meist ein
durch Stress ausgelöster Herzinfarkt oder Schlaganfall. Zahlreiche
Angehörige von Karōshi-Opfern haben die jeweiligen Arbeitgeber auf
Entschädigungszahlungen geklagt und waren dann erfolgreich, wenn es
ihnen gelang nachzuweisen, dass das Opfer an sechs Tagen in der Woche
mehr als 12 Stunden pro Tag arbeitete. Viele Menschen fühlen sich im
Büro so wohl, dass sie auch dann vorgeben, produktiv zu sein, wenn sie
es schon längst nicht mehr sind. Das Phänomen des „Presenteeism“
bezeichnet jenes Stadium der Überarbeitung, wo Papier nur mehr von einem
Stapel auf den anderen geschoben oder auf dem Bildschirm herumgeklickt
wird, ohne einen Mehrwert zu schaffen.
John Naish
beschreibt in seinem Buch „Genug“ einen Selbstversuch. Er beschränkte
seine freiberufliche Arbeit als Journalist auf Teilzeit und engagierte
sich ehrenamtlich für Interessensgruppen. Als er eine Festanstellung bei
der Times angeboten bekam, antwortete er mit „Nein Danke“. Er fürchtete
sich davor, nach Erreichen einer gewissen Position vor immer grösseren
Anforderungen zu stehen, aber immer weniger dafür zu erhalten. Denn
Tätigkeiten im Mediensektor erfordern vollen Einsatz und täglich neue
Geschichten. „Denn obgleich Reichtum das große, glänzende Ziel ist, das
uns verlockend vor Augen steht, verhilft er dem, der ihn hat, nicht
automatisch zu einem besseren Lebensgefühl.“
Die 100
Superreichen fühlen sich nur wenig besser als Normalbürger, denn mit dem
Geld kommen auch neue Sorgen. Das beste ist immer gerade gut genug, die
Luxusgegenstände müssen mit Alarmanlagen und die teuren Bilder und
Teppiche mit Security - Personal gesichert werden, sonst steigt die
Versicherung aus der Police aus. Klingt nicht verlockend, wenn in jeder
Nacht auf der Terrasse ein Wachmann vorbeispaziert und mit der
Taschenlampe ins Wohnzimmer lugt. Die Gier endet auch nicht beim
Gulfstream V,
jenem Objekt der Begierde für private Jet-Setter, die in Paris
frühstücken, in New York am abend shoppen, um am nächsten Tag auf den
Bermudas einen Empfang zu geben. Die Gier ist ein Luder, oder um mit
Epikur zu sprechen: Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.
Doch wann ist
genug? Das Maß für ein zufriedenes Leben liegt wohl knapp über dem
Erreichen des Durchschnittseinkommens eines Landes. „Viel mehr zu
verdienen als der Durchschnitt, führt lediglich dazu, dass zu Ihren
Partys nur noch Unzufriedene und Frustrierte kommen“. Viele
gut verdienende Menschen setzen die Prioritäten falsch. Sie
überschätzen den emotionalen Auftrieb durch Geld und materielle Güter im
Vergleich zum dauerhafteren Auftrieb durch Familie und Gesundheit.
Letztere werden allzu oft dem Streben nach Geld und Gütern geopfert.
Der plötzliche Herztod ist die häufigste Todesursache auch in den
westlichen Industrienationen und tritt gehäuft am Montag vormittag auf.
Eine Reduktion der
Anzahl der Wochenstunden ist vermutlich für eine Reihe von Menschen mit
Ganztagsjob zunächst schwer vorstellbar. Ok, manchmal gibt es wirklich
viel zu tun. Wer die Ernte einfahren oder mehrere Projekte gleichzeitig
betreuen und termingerecht abschliessen muss, dem reicht oft auch die
60-Stunden Woche nicht. Wer im Tourismus arbeitet oder eine
Veranstaltung organisiert, wird mal ohne Wochenende und mit wenig Schlaf
auskommen müssen. Zur Kompensation soll dann aber eine andere Phase
folgen, in der die Subsistenz, Kultur oder die Politik im Vordergrund
stehen, sodass die Ethify Balance wieder ausgeglichen ist. Somit wird
Erwerbsarbeit auch für andere Menschen leichter zugänglich, sofern man
sich nicht absichtlich unersetzbar gemacht hat.
Heute ist die
Bedeutung eines Berufs viel zu zentral. Je nach Milieu, in dem man die
Gelegenheit hat, Menschen kennen zu lernen, dauert es unterschiedlich
lange, bis man die Frage gestellt bekommt: „Und was machen Sie
beruflich?“ Leute aus der Werbebranche benötigen dazu höchstens 30
Sekunden,. Freiberufler, Ärzte und Anwälte weniger als zwei Minuten,
Arbeiter hingegen fragen oft gar nicht, ausser sie sind wirklich am Aufbau einer echten Freundschaft interessiert.
Hannah Arendt
formulierte schon 1958 folgende These: „Was uns bevorsteht, ist die
Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist,
also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte
verhängnisvoller sein?“
Keine Angst: die Arbeit wird uns nicht ausgehen, wir werden weiterhin
Maschinen bedienen, die Brötchen backen, LKWs fahren, um die
Nahversorgung zu sichern, Menschen medizinisch betreuen, Häuser
isolieren, Kinder lehren, Webseiten programmieren oder Studien
schreiben. Die Arbeit muss jedoch einen anderen Stellenwert erhalten,
sie darf nicht alleiniges Identifikationsmittel sein, mit der die eigene
Existenz gerechtfertigt wird.
Wer viel arbeitet,
erhöht zwar den eigenen Marktwert und hat die besseren
Aufstiegsmöglichkeiten oder eine Chance auf einen besserbezahlten Job
beim Mitbewerber, läuft jedoch Gefahr, als Workaholic eingestuft zu
werden. Beim Mitarbeiter-, Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch gehört zum
Standardrepertoire die Frage nach der Work-Life-Balance. Wer sich als
allzu ehrgeizig präsentiert, wird als tickende Zeitbombe identifiziert.
Ohne Familie, Freunde und Entspannung kommt irgendwann die totale
Erschöpfung und eine nachhaltige Depression, das wissen mittlerweile
auch Firmenchefs und Auftraggeber. Firmen sollten zur Optimierung der
Balance auch den besten Mitarbeitern nicht anbieten, private Dienste zu
übernehmen, zum Beispiel das Auto- oder Wäschewaschen, das Vermitteln
von Tennispartnern oder das Abholen der Kinder von der Schule. Letztere
sollten erstens sowieso alleine den Weg (am besten zu Fuss oder mit
Fahrrad) zurücklegen und zweitens freuen sie sich, wenn ein Elternteil
etwas früher nach Hause kommt, um nach der Hausaufgabe mit ihnen noch
eine Runde Ball zu spielen. Wenn das Unternehmen die Work-Life-Balance
in die Hand nimmt, hat es diese falsch verstanden.
Wie sieht die
Arbeitswelt der Zukunft aus? Nachdem ein Job als Angestellter längst
nicht mehr als Garantie für eine Dauerversorgung gilt, werden wir immer
wieder neue Aufgaben suchen müssen. Wer selbstständig Dienstleistungen
anbieten oder ein eigenes Geschäft betreiben möchte, wird die eigenen
Qualifikationen stets auffrischen. Dazu gehört etwa, die eigenen
Fähigkeiten, Produkte oder Dienstleistungen auch gut darstellen zu
können. Wir werden für jene Firmen oder Kunden gerne arbeiten, wo die
Teams kollegial sind, Umwelt und Menschen nicht zu Schaden kommen und
kein Chef den Gewinn verzockt. Wenn wir auf das Ergebnis der Arbeit mit
einem Team stolz sein dürfen, sind wir motiviert und produktiv.
Noch gibt es
zahlreiche Tätigkeiten und Arbeitgeber, die diesem Idealbild nicht
entsprechen. Mit einem Grundeinkommen entfiele die Existenzangst und wir
würden nicht jeden Job annehmen müssen. Der Markt würde sich
verschieben: Wir würden nicht faul zu Hause herumliegen, denn die
meisten Menschen wollen etwas sinnvolles für die Gemeinschaft leisten
und dazuzuverdienen wollen. Wirklich unangenehme Tätigkeiten müssten
wesentlich besser bezahlt werden, damit sie auch gemacht werden.
Das Mincome war ein soziales Experiment, welches in den
70er Jahren die Auswirkungen der Einführung eines garantierten
jährlichen Grundeinkommens untersuchen sollte. Dabei erhielten Bewohner
der Stadt Dauphin, Kanada
ab 1974 eine jährliche Geldauszahlung, die einem heutigen Wert von
umgerechnet mindestens etwa 5.500 USD pro Person entsprach. Nach einem
abrupten Ende des Experimentes 1977 kam es zu keiner offiziellen
Präsentation der Ergebnisse. Der damalige Forschungsleiter Derek Hum
veröffentlichte erst nach und nach Teilergebnisse der Studie. Dabei
konnte nur ein geringer Rückgang der Arbeitsbereitschaft festgestellt
werden.
Die Idee eines Grundeinkommens wird mittlerweile quer durch alle
Parteien diskutiert. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der
Bundestagswahl 2009 mit CDU und CSU wollte die FDP einen Kurswechsel in
der Sozialpolitik erreichen. Zu den wichtigsten Forderungen der
Liberalen gehörte das sogenannte Bürgergeld in Höhe von 662 Euro, das
Bedürftige als Pauschale vom Finanzamt erhalten sollten. Der ehemalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus forderte ein Solidarisches Bürgergeld
genanntes bedingungsloses Grundeinkommen von EUR 800,- brutto für jeden
(abzüglich EUR 200,- für eine Basis-Krankenversicherung). Alle
staatlichen Transferleistungen
sollen damit gebündelt werden. Verbunden ist das Konzept mit einer
umfangreichen Umgestaltung in der Steuer- und Sozialpolitik. Nach dem
Althaus-Modell entstünden dem Staat Deutschland jährlich Kosten in Höhe
von 583 Milliarden Euro. Das heutige Sozialsystem kostet die
Bundesrepublik derzeit 735 Milliarden Euro pro Jahr. Damit wäre ein
bedingungsloses Grundeinkommen nach Althaus langfristig für den Staat
günstiger als das heutige System.
Die Grüne Grundsicherung sieht eine Reform mit mehreren Elementen vor:
die schrittweise Einführung eines Grundeinkommens für Kinder
(bedingungslose Kindergrundsicherung),
der Öko-Bonus (ein Grundeinkommen finanziert aus Ökosteuern), ein
temporäres Grundeinkommen (Brückenexistenzsicherung) und beim
Arbeitslosengeld der Verzicht auf jegliche finanziellen Sanktionen, die
dazu führen, dass das Einkommen unterhalb des Existenzsicherungsniveaus
sinkt.
Nachdem Konsumbedürfnisse befriedigt sind und eine Marktsättigung mit
der Fülle an Shampoos, Säften, Auto- oder Handymodellen erreicht ist,
werden wir nicht Däumchen drehen, sondern wird unser Engagement in der
Arbeitswelt in Richtung Nachhaltigkeit und Kreativität gehen. Wir werden
uns um unsere Region kümmern, Betreuungsleistungen für Jung und Alt
ausbauen und uns für die Bildung engagieren.
Mit Umwelttechnologien werden wir die Ziele des Klimaschutzes besser
erreichen: Wärmedämmung, Nahwärmekraftwerke, die von Energielandwirten
betrieben werden, der Ausbau von Radwegen oder Kleinwindkraftanlagen
bieten genügend Tätigkeitsfelder für die nächsten Jahrzehnte. Und wenn
wir die globalen Probleme ernst nehmen, werden wir unser Know-How auch
exportieren und anderen Regionen zur Verfügung stellen.
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