| Erneuerung der Ökonomie - Memorandum | | Drucken | |
| Montag, 16. April 2012 | |
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MeM steht für eine Menschliche Marktwirtschaft. Eine menschliche Marktwirtschaft ist eine faire, eine soziale bzw. sozial-ökologische, eine ökonomisch gemäßigte und eine in Werte des guten Lebens aller und des fairen Zusammenlebens eingebettete Marktwirtschaft. Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und WissenschaftlerMit der nach wie vor anhaltenden Finanzkrise sind auch die Wirtschaftswissenschaften in eine tief greifende Krise geraten.
Diese Fehlentwicklungen innerhalb der Disziplin sind kein rein disziplinäres Problem der Wirtschaftswissenschaften, sondern von übergreifender gesellschaftspolitischer Bedeutung. Denn in einer Gesellschaft, in der ökonomische Rationalitätsmuster immer weitere Lebensbereiche umgreifen und ökonomisieren, bedarf es einer distanzierten Perspektive, die diese Entwicklungen beurteilbar macht. Doch verhindern die sich gegenwärtig festgesetzten Karrieremuster die Ausbildung solcher Perspektiven, so dass sich die wirtschaftswissenschaftliche Disziplin dogmatisch verkapselt hat. Deutliche Zeichen für diesen akademisch unhaltbaren Zustand sind:
Zu einer Wissenschaft gehört paradigmatische Vielfalt. Derzeit allerdings liegt die als wissenschaftlich anerkannte Thematisierung des Wirtschaftens im exklusiven Zuständigkeitsbereich eines einzigen Paradigmas. Dieses hat sich, in verschiedenen Varianten, der «Fürsprache des Marktes» (Friedrich Breyer) verschrieben. Zwar sind die derzeit vereinzelt zu vernehmenden Vorstöße aus dem Inneren der etablierten Wirtschaftswissenschaften hin zu einer paradigmatischen Öffnung zu begrüßen. Doch sind sie zu schwach, um die für unser aller Leben eminent wichtigen Wirtschaftswissenschaften aus ihrer paradigmatischen Verkapselung zu führen. Dies zeigt auch die geringe Resonanz der disziplinären Fachvertreter auf die zahlreichen Aufrufe zur Öffnung des Fachs, die in jüngerer Zeit sowohl von Seiten engagierter Studierender als auch von Nachwuchswissenschaftlern und Ökonomen, die den paradigmatischen Kern des Mainstreams nicht teilen, zu vernehmen waren.‡ Die paradigmatische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften muss daher auch und vor allem von außen angestoßen werden. Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieses Memorandums, möchten die Ökonomen als unsere Kollegen, als unsere Professoren und Lehrer, als Berater von Politik und Unternehmen und als Intellektuelle des öffentlichen Lebens zu paradigmatischer Offenheit ermuntern. Eingeschlossen ist dabei der Wunsch, andere – von der vorherrschenden Lehre abweichende – Sichtweisen aktiv zu fördern sowie das Interesse an und die Offenheit für die Auseinandersetzung mit diesen Positionen zu zeigen, um letztlich auch wieder eine wissenschaftlich redlich geführte Streitkultur zu ermöglichen. Eine Wissenschaft, die mit der Reflexion ihrer eigenen paradigmatischen, einschließlich ihrer normativen Grundlagen abgeschlossen hat, ist nur mehr der Form nach eine Wissenschaft. Wir fordern die für die Wahrung der Wissenschaftlichkeit des Hochschulwesens zuständigen Instanzen, wie insbesondere den Wissenschaftsrat, auf, die wissenschaftspolitischen Weichen so zu stellen, dass innerhalb der Wirtschaftswissenschaften wieder eine paradigmatische Pluralität von Sichtweisen Einzug hält. Dazu zählt insbesondere eine deutliche Relativierung bibliometrischer Kriterien für die Bemessung akademischer Forscherkarrieren, da durch diese nicht etwa wissenschaftliche Qualität, sondern die Konformität mit dem vorherrschenden Kernparadigma sichergestellt wird. Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt ist nicht messbar, sondern letztlich nur substantiell beurteilbar. Wir fordern die für die Ausrichtung von Curricula zuständigen Instanzen auf, heterodoxe und interdisziplinäre Inhalte in die Lehrpläne aufzunehmen. Hierzu zählt insbesondere auch die Integration von Veranstaltungen, die sich sowohl mit den praktischen Folgen der wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung als auch mit den paradigmatischen Grundlagen dieser selbst ethisch-kritisch auseinandersetzen. Wir fordern die Förderer von Wissenschaft und Forschung dazu auf, Vorkehrungen dafür zu treffen, dass bei der Vergabe von Fördermitteln die paradigmatische Pluralität gewahrt und ein perspektivischer Monismus vermieden wird. Hierbei gilt es auch Vorkehrung dafür zu treffen, dass finanzkräftige Interessen die wissenschaftlich als notwendig angezeigte pluralistische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften nicht unterlaufen.
Die Wirtschaftswissenschaften gestalten durch ihre
Empfehlungen und durch die von ihnen vermittelte Weltsicht das
Gesellschaftsleben in vielfacher Weise nachhaltig mit. Ihr Anspruch als
eine reife, undogmatische Sozialwissenschaft sollte darin bestehen, der
guten und gerechten Ordnung der Gesellschaft dienlich zu sein.
Kontroverse, von Redlichkeit und Offenheit getragene
Auseinandersetzungen darüber, was dies sowohl grundlegend
gesellschaftspolitisch als auch in einzelnen Teilbereichen bedeutet,
sollten zu einem selbstverständlichen Bestandteil der
wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre werden.
Tagesanzeiger > Aufstand der Wirtschaftsethiker Eine Initiative von Ulrich Thielemann, Tanja von Egan-Krieger und Sebastian Thieme
http://www.mem-wirtschaftsethik.de
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