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Nahrungsmittel als Treibstoffe? | Drucken |  E-Mail
Donnerstag, 18. Oktober 2007
pand-pand01Die EU Kommission beabsichtigt, den für 2010 vorgeschriebenen Zielwert von 5,75 % beim Ersatz von Kraftstoffen durch Biokraftstoffe für das Jahr 2020 auf 10 % anzuheben. Dadurch erhofft man sich, negative Auswirkungen auf das Klima verringern zu können. Fundierte Erkenntnisse belegen jedoch, dass Biokraftstoffe der ersten Generation (Biodiesel und Bioethanol) weitaus mehr Probleme verursachen, als sie lösen.

1. Zusätzliche Treibhausgase zum Teil erst nach Jahrhunderten kompensiert
Die  Einsparung von Kohlendioxidemissionen der  Fahrzeuge durch den Ersatz von Diesel durch Biodiesel wird mit neuen, deutlich höheren Treibhausgasemissionen erkauft. Die Freisetzung von CO 2 durch Brandrodungen wird in den Berechnungen der EU Kommission nicht berücksichtigt. Dabei sind Änderungen in Landnutzungsformen, die Verbrennung von Biomasse und deren ausbleibende Erneuerung für 20 % bis 30% aller weltweiten Emissionen an Treibhausgasen verantwortlich. Bis der Biodiesel den Treibhauseffekt, der durch die Umwandlung von Regenwaldflächen in landwirtschaftliche Flächen verursacht wurde, wettgemacht hat, vergehen bis zu mehrere Jahrhunderte.

2. Tatsächliche Einsparungen an CO weitaus geringer als erwartet
Werden bis 2010 wie geplant 5,75 % herkömmliche Kraftstoffe durch einen Mix an heimischen und importierten Biokraftstoffen ersetzt, sinkt die Menge an fossilem Kohlenstoff aus der Verbrennung von Kraftstoffen um maximal 3,5 %, wenn man die Auswirkungen der Entwaldung außer Acht lässt, aber den sonstigen Aufwand für ihre Erzeugung berücksichtigt. Berücksichtigt man, dass auch künftig 80 % des gesamten Primärenergiebedarfs, von dem Kraftstoffe nur einen Teil ausmachen, durch fossile Brennstoffe gedeckt werden, liest sich die Bilanz noch schlechter. Dann sinkt die Austauschrate für Kohlenstoffverbindungen fossilen Ursprungs deutlich weiter – nämlich auf unter 1,5 %. Da Schätzungen zufolge der Primärenergiebedarf zwischen 2005 und 2030 um 14 % und der
Transportenergiebedarf um 25 % steigt, wird schnell klar, dass keine Nettoeinsparung erzielt wird.

3. Mehr Anbaufläche benötigt als überhaupt vorhanden
Im Jahr 2010 werden in Europa etwa 15 Mio. ha für den Anbau von Biomasse zur Energiegewinnung verfügbar sein und bis 2020 maximal 22 Mio. ha. Für den Ersatz von jeweils 10 % Benzin und Diesel durch Biokraftstoffe der ersten Generation wäre aber eine Anbaufläche von 31,4 Mio. ha erforderlich – also etwa das anderthalbfache der voraussichtlich zur Verfügung stehenden Fläche.

4. Dramatische Verschlechterung der Lebensmittelversorgung
Etwa 15 % der Weltbevölkerung sind chronisch unterernährt. Die angestrebte Halbierung dieser Zahl bis 2015 ist selbst ohne Biokraftstoffproduktion kaum absehbar: Um einer Weltbevölkerung von
8,2 Mrd. Menschen im Jahr 2030 ausreichende Nahrungsenergie zur Verfügung zu stellen, wären ohne Energieproduktion entweder 37 % mehr Anbaufläche oder eine um 37 % gesteigerte Produktivität des Anbaus erforderlich.
Die aufkommende Konkurrenz zwischen der Land- und Früchtenutzung für die Erzeugung von Nahrungsmitteln bzw. von Energie wird das Ziel ein ausreichendes Nahrungsangebotes für alle konterkarieren, ohne dass dabei nennenswerte Fortschritte hinsichtlich Klimaschutz erzielt werden.
Würde man die gesamte weltweite Produktion von Pflanzenölen, Getreide und Zucker zum Zwecke der Produktion von Biokraftstoffen verwenden, könnte lediglich ein Drittel des weltweiten Transportenergiebedarf gedeckt werden. Die Gewinnung von Biokraftstoffen der 1. Generation wird die Versorgungssicherheit bei Lebensmitteln weiter verschlechtern.

5. Biokraftstoffe verstärken die Armut
Die Preise aller Feldfrüchte zur Herstellung von Biokraftstoffen sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Es wird erwartet, dass die Preise für diese Rohstoffe in den nächsten Jahren um 50 bis 80% weiter steigen und auch langfristig auf einem hohen Niveau bleiben werden. Weltweit haben gegenwärtig etwa anderthalb Milliarde Menschen täglich lediglich 1 US-Dollar zur Verfügung, von dem sie die Hälfte für Nahrung ausgeben. Logische Folge ist, dass künftig der Zugang zu bezahlbaren Lebensmitteln für immer mehr Menschen immer schwieriger wird.

6. Zunehmende Degradation der Böden
In einer Studie über den Anbau von Feldfrüchten zur Gewinnung von Bioenergie vergleicht die Europäische Umweltagentur (EUA) verschiedene Feldfrüchte mit Blick auf ihre Auswirkung auf Bodenerosion, Bodenverdichtung, Grundwasserbelastung mit Nährstoffen und Pestiziden sowie Wasserentnahme. Die EUA kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass die für die Gewinnung von Biokraftstoffen am ehesten geeigneten Pflanzen die Böden am stärksten belasten.

7. Beschleunigter Verlust biologischer Vielfalt

Untersuchungen der Vereinten Nationen zufolge ist es unvermeidlich, dass der Anbau von Rohstoffen für Biokraftstoffe mittelfristig zwischen 2010 und 2050 zu einer Verringerung der biologischen Vielfalt führt. Biokraftstoffe der ersten Generation fördern die Verbreitung von Monokulturen, die damit einhergehende Verwendung von Pestiziden und tragen auch durch die mit Ihrem Anbau verbundene Abholzung der artenreichen Regenwälder zu einem Abbau der Artenvielfalt bei.

8. Beschleunigter Abbau natürlicher Ressourcen

Monokulturen und instabile Böden müssen in direktem Zusammenhang mit dem Einsatz von Düngemitteln gesehen werden. Hierbei spielen vor allem die Phosphatdünger eine Rolle. Zu ihrer Herstellung sind nur 15 % der bekannten Phosphorreserven geeignet, weil sie mit Schwermetallen gering belastet sind. Wenn das derzeitige Verbrauchstempo beibehalten oder erhöht wird, werden diese Reserven in weniger als 20 Jahren aufgebraucht sein.

9. Biokraftstoffe der ersten Generation keine Option zur CO -Reduktion
Untersuchungen der Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen zeigen, dass es bedeutend kostengünstiger ist, den Ausstoß von Treibhausgasen durch Effizienzverbesserung von Kohle- oder Erdgaskraftwerken zu senken, als herkömmliche Kraftstoffe durch Biokraftstoffe zu ersetzen. Es gibt jedoch Alternativen zu Biokraftstoffen der ersten Generation, die den Herausforderungen Treibhauseffekt und Klimawandel besser gerecht werden. Dazu zählen Maßnahmen zur Einspaarung von Energie, ggf. der Anbau von ertragreicheren mehrjährigen Kulturpflanzen, Verfahren, bei denen die gesamte Biomasse verarbeitet wird, sowie die direkte Nutzung der Sonnenenergie in geeigneten Regionen.
icon Studie Nahrungsmittel+als+Kraftstoffe (799.04 KB)

Veranstaltungshinweis: Kongress Cradle to Cradle
 
EPEA Internationale Umweltforschung GmbH  •  Feldstrasse 36  •  20357 Hamburg  •  http://www.epea.com
Geschäftsführung: Michael Braungart  •  Albin Kälin
 
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