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Die Moralisierung der Märkte | Drucken |  E-Mail
cover julyMarkt und Moral? Das passt nicht zusammen, würde mancher sagen. „Der Markt hat kein Herz, der Markt hat kein Gehirn. Er tut, was er tut.“, schreibt der Ökonom Paul Samuelson. „Der Kunde ist König“, spricht der Volksmund. Doch hat er Recht? Inwieweit ist der Kunde mächtig, inwieweit verantwortlich? Verantwortung zu übernehmen, das hieße auch, moralisch zu handeln. Doch bringt er tatsächlich Moral in den Markt oder ist er lediglich Moralapostel?

Abwegig ist der Gedanke vom Konsumenten als moralischem Entscheider keineswegs. So kam es in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass entrüstete Verbraucher Umweltverschmutzungen oder die Produktion unter schlechten Arbeitsbedingungen mit Boykotten ahndeten. Folglich bietet der Markt dem Konsumenten tatsächlich einen Weg der aktiven Einflussnahme auf die Geschäftspraktiken der Anbieter. Aber kann der Konsument von dieser Möglichkeit auch effektiv Gebrauch machen? Wie kommt er eigentlich zu seiner Macht?

In den letzten Jahrzehnten ließ sich eine rasante Entwicklung der elektronischen Informationssysteme, allen voran des Internets, beobachten. So haben heute breite Bevölkerungsschichten Zugang zu einer Fülle an Informationen über die Geschäftspraktiken von Unternehmen und können bewusster einkaufen. Oder lässt sich heute vielmehr eine wachsende Ohnmacht des Konsumenten beobachten? Die große Vielfalt an Angeboten erschwert es ihm, den Überblick zu behalten.

Und eine gezielte Auswahl nach ethischen Kriterien erfordert vor allem eines: Zeit. Gerade an dieser mangelt es immer mehr Menschen.


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Moral in der Wirtschaft
Moral in der Wirtschaft
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Für die Unternehmen hat die Macht des Konsumenten weitreichende Konsequenzen. So können als unmoralisch empfundene Unternehmensentscheidungen zu langfristigen Imageschäden führen. Viele Unternehmer versuchen diesem Risiko entgegenzuwirken: durch neue Marktstrategien, veränderte Produktionsbedingungen und eine offenere Informationspolitik. Doch wie gelingt es eigentlich Führungskräften, moralisches Verhalten ihrer Mitarbeiter zu gewährleisten, also etwa Korruption zu verhindern? Welche Chancen ergeben sich für Unternehmer, die ihre Entscheidungen in besonderem Maße an ethischen Kriterien ausrichten?

Die „Moralisierung der Märkte“ (Nico Stehr) wirkt sich auch auf den Handel zwischen Unternehmen aus. Ein Autohersteller wird sich beispielsweise vor seinen Kunden für die Arbeitsbedingungen seiner Zulieferer rechtfertigen müssen. Wie beeinflusst diese Tatsache die Kaufentscheidungen des Autoherstellers? Welchen Einfluss hat der Autohersteller, hier selbst in der Rolle des Kunden, auf seine Zulieferer?

Die neue Macht des Konsumenten wird inzwischen vielfach als Chance begriffen. Von der Korruptionsbekämpfung über den Klimaschutz, die Einhaltung von Menschenrechten in Entwicklungsländern bis hin zur Regulierung der globalen Märkte - alles scheint möglich. Doch sind diese Hoffnungen berechtigt?

„Die Moralisierung der Märkte - Neue ohnMacht des Konsumenten?“
ist ein Thema an der Schnittstelle von Ökonomie, Philosophie und Soziologie. Zusammen mit Ihnen wollen wir all diese Fragen im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis beleuchten und nach neuen Antworten suchen.

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Welche Rolle spielt die Politik, wenn der Markt eine Moral entdeckt?
Wird sie damit unterstützt, gar entlastet oder stellt diese Veränderung eine Gefahr für sie dar? Muss man realistisch damit rechnen, dass die Konsumenten der Politik Aufgaben abnehmen?
Autoren wie z.B. Tanja Busse in ihrer „Einkaufsrevolution“ halten Konsum für ein politisches Statement. Sie behauptet, dass Konsumenten, wenn sie denn nach ethischen Gesichtspunkten einkaufen, viel mehr Macht auf Konzerne ausüben, als dies Regierungen durch Regulierungen je könnten. Zugegeben: Stimmen, die behaupten, dass nationale Regierungen internationalen Riesenkonzernen bereits unterlegen sind, werden zahlreicher. Aber haben sie damit wirklich Recht oder handelt es sich dabei nur um ein mediales Schreckgespenst?
Auch das scheint nicht abwegig zu sein, man denke nur an die von Müntefering ausgelöste Heuschreckendebatte: International agierende Beteiligungsgesellschaften, die von Land zu Land ziehen und solide wirtschaftende Firmen aussaugen und dann weiterziehen, nachdem nur Schutt und Asche übrig sind. Möchte man daran wirklich glauben?

Ist die Politik wirklich so ohnmächtig geworden? Braucht man nicht gerade eine zentrale Kraft, die gezielt eingreift, um Missbrauch entgegen zu wirken? Kann der moralische Konsument dies leisten?
Es bleibt offen, wie mündig der Bürger eigentlich ist. Kann er umgeben von Werbung und medialem Overkill wirklich erkennen, was wahr und was fake ist? Gerade im Internet gibt es doch Milliarden von Informationen, die vermehrt auch von einfachen Privatpersonen stammen. Wie soll man da noch zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden   ist der Mensch dem gewachsen? Wie soll der Einzelne da noch den Überblick behalten und auch noch richtig handeln?

Vielleicht geht diese Frage aber auch am Kernthema vorbei. Kann man vielleicht sogar behaupten, dass unsere Generation viel politischer ist, als immer behauptet wird? Wenn Konsum wirklich eine politische Meinung ausdrückt, ist dann unsere konsumorientierte Generation über ihre Produktwahl demokratisch? Gibt es so etwas wie Politikverdrossenheit vielleicht gar nicht, weil sich einfach nur das Medium der Politik gewandelt hat? Ist die Kombination aus Bloggen und Kaufen die moderne Form der Basisdemokratie? Ersetzt dann der tägliche Einkauf wirklich die Wahl alle vier Jahre?

Es bleibt noch offen, welche Bedeutung eine Moralisierung der Märkte für die Politik hat ist sie Gefahr oder Segen? Löst der Konsument den Politiker ab oder greift er ihm unter die Arme? Ist es auch für sie erfreulich, dass die Menschen den Markt selbst kontrollieren oder ist es eine Gefahr? Was sind die Grenzen der Moralisierung der Märkte, wo muss die Politik eingreifen? Arbeiten beide Seiten für dieselbe Sache oder ist es vorzusehen, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen?
All diese Fragen sind nicht einwandfrei zu beantworten, aber dennoch haben sie für unsere Gesellschaft eine große Bedeutung. Genau deshalb würden wir uns freuen mit Ihnen auch über dieses Kapitel der Moralisierung der Märkte zu reden.

Ethik in der Unternehmensführung
Dass eine stimmige Führungskonzeption für die Umsetzung einer funktionierenden  Unternehmensethik bedeutend ist, wird von niemandem bestritten. Im Rahmen der Bayreuther Dialoge wird sich deshalb auch die Frage stellen, wie es eigentlich Führungskräften gelingen kann, sowohl in ihrer Vorbildfunktion wie als Steuerungsinstanz aller Beteiligten eines Unternehmens moralisches Verhalten vorzuleben. Durch die erfolgreiche Realisierung einer solchen ethischen Unternehmenskultur können sich Unternehmer an einen kritischer werdenden Konsumenten anpassen und auf diese Weise eine Wertschöpfung durch Wertesteuerung gewährleisten.
Zuerst stellt sich nicht mehr die Frage ob Führungskräfte Verantwortung zu tragen haben, sondern wie und wofür diese zu gelten hat. Neben dieser unternehmerischen und gesellschaftlichen Verantwortung, welche die Share- und Stakeholderorientierung beinhaltet, geht es vor allem um die Frage, was für eine Rolle das persönliche Ethos von Führungskräften für die moralische Qualität eines Unternehmens spielt. In moderneren Konzeptionen wird Management vor allem als Dienstleistung verstanden. Diese fokussiert neben der erwähnten Verantwortung genauso die Entfaltung der Mitarbeiter, indem sie so viel Freiheit wie möglich und so wenig Kontrolle wie nötig zum Ziel hat. Doch was zeichnet
eine „gute“ Unternehmensführung aus?

Auf Fachsymposien oder in Wirtschaftsjournalen wird vermehrt die Nützlichkeit von Ethik- und Verhaltenskodizes in allen ihren Formen und Farben hinterfragt. Was nützt ein Erfolg versprechendes Stück Papier, wenn, wie zum Beispiel im Fall Enron, ansonsten nur neuer Lack auf ein rostendes Auto gesprüht wird. Oft wird in diesem Kontext eine pragmatische Verantwortungsethik gefordert, welche in erster Linie transparente Kommunikation, eine klare Zielvorgabe sowie die Umsetzung optimaler Wertschöpfung verlangt.
So wird vor allem auf lange Frist versucht eine Konvergenz zwischen ethischen und wirtschaftlichen Interessen umzusetzen. Diese Themenpunkte und noch viele andere werden den Gegenstand von mehreren Workshops und Vorträgen darstellen, die im Rahmen der Bayreuther Dialoge durchgeführt werden.


Kongress: Okt. 08 Bayreuth

http://www.bayreuther-dialoge.de

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